Emmanuel Mir: Als du mich gefragt hast einen Text über deine Arbeit zu schreiben, hast du dich explizit für die Form des Gesprächs entschieden. Wenn ich deine letzte Videoarbeit betrachte („Mit Zwiebeln und Karotten“) sowie die Kollaborationen mit anderen Künstlern (wie in „Please, discreate me“) habe ich das Gefühl, dass dir der Austausch sehr wichtig ist, und das du den Modus des Dialogs für deine künstlerische Arbeit besonders bevorzugst. Stimmt das?


Anja Schreiber: Tatsächlich spielt der Dialog innerhalb meiner Arbeit eine bedeutende Rolle. Dies lässt sich allerdings mit Sicherheit für alle Künstler sagen, denn erst im Bezug zum Anderen wird man befähigt, etwas Eigenes zu produzieren. Und der Dialog ist eine besonders starke Form des Bezugs zum Anderen. Bei meiner Arbeit ist dieser Bezug mal mehr, mal weniger vorhanden. Für das Projekt „Please, discreate me“ zum Beispiel, dass mit zwei anderen Künstlern realisiert wurde, hat dieser Dialog nicht direkt stattgefunden weil wir zeitlich nie zusammengekommen sind, aber die fremden Positionen waren ausschlaggebend für die eigene Arbeit. Die „Spielregel“ sah vor, dass jeder von uns zunächst an seiner eigenen Installation arbeiten sollte, einen Tag lang. Erst am nächsten Arbeitstag sollte, dem Projekttitel „Please, discreate me“ folgend, Bezug auf die Arbeit der anderen Künstler genommen werden, indem diese zum Teil zerstört oder zumindest stark verändert werden sollte. Hieraus ist eine ziemlich komplexe Situation entstanden, in der der übliche Begriff von Autorenschaft keine Gültigkeit mehr hat und die Vorstellung von Gruppenarbeit auch nicht vollständig greift.


E.M.: Das erinnert ein wenig an die Situation deiner Ausstellung in plan.d., wo ein „blinder Dialog“ mit Moni Müller, die hier mit dir ausstellt, stattfindet. Und ich sehe auch einen Zusammenhang mit deiner Videoarbeit „Mit Zwiebeln und Karotten“, in der die zwei Protagonisten räumlich voneinander abgeschottet sind und trotzdem in eine merkwürdige Kommunikation treten – ihr Dialog erscheint eher wie zwei aneinander gereihte Monologe als wie ein richtiger Austausch.


A.S.: Ja, das stimmt. Ähnlich ist es in dem Drei-Kanal-Video „Come wander with me“, an dem ich eineinhalb Jahren gearbeitet habe. Auch in dieser Arbeit verwandelt sich ein innerer Monolog in einen Dialog. Die Frage „Wouldn’t you“ wird da von verschiedenen Seiten gestellt, worauf dann mit „I wish“ und „I can“ geantwortet wird. Formell habe ich mich dafür entschieden einen Mund als Auge zu schminken, um den nach innen gewandten Blick deutlich zu machen - und um das innere Gespräch zu verdeutlichen. Der Mund ist ein Kommunikationsorgan, das in der Regel die Verbindung nach aussen schafft; das Auge nimmt seinerseits die äussere Welt auf und speichert praktisch jene Einflüsse, die für den inneren Dialog zuständig sind.
Daher habe ich nach einer Möglichkeit gesucht beide Elemente in einem einzigen „Objekt“ zu verbinden.



E.M.: In diesem Zusammenhang ist mir ein anderer, verwandter Aspekt deiner Arbeit eingefallen: Wenn ich auf die einsame Kämpferin von „Donated light“ schaue oder auf die in sich gekehrten Frauen der Videoarbeit „xcube“ sehe ich immer einsame Menschen in isolierten Situationen – und im Grunde genommen war der ausgewählte Arbeitsmodus von „Please, discreate me“ nicht anders: Ihr nehmt Bezug aufeinander ohne zusammenzukommen...


A.S.: Diese Figuren sind wie Zellen. Sie sind nicht unbedingt einsam, aber stark in sich gekehrt, wie du gesagt hast. Vielleicht spiegelt sich hier eine meiner grundlegenden Sichtweisen. Ich denke nämlich, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, mit welchem man sein ganzes Leben verbringt – und das ist man selbst.


E.M.: Das klingt ein wenig melancholisch.


A.S.: Findest du? Eigentlich würde ich mich eher als einen positiv denkenden Menschen einschätzen. Allerdings glaube ich, dass die Melancholie für die künstlerische Arbeit, ganz gleich welche, unabdingbar ist. Denn sie birgt das grösstmöglich kreative und schöpferische Potenzial. In jedem guten Kunstwerk gibt es immer eine Prise Melancholie.


E.M.: Kommen wir zu den Themen deiner Arbeit. Da wimmelt es förmlich von Frauenfiguren. Der Körper des Mannes ist völlig abwesend in deiner künstlerischen Welt. Was hat das auf sich?


A.S.: Mich interessieren die heutigen Anforderungen unserer Welt, Fragen von „neuen" und „alten“ Moralvorstellungen und die daraus resultierenden Emotionen des Individuums. Der Körper dient mir dabei als Spiegel. Ich setze Körper in Szene um die Bandbreite dieser Thematik irgendwie zu greifen und bildhaft zu machen. An erster Stelle verwende ich hierzu Frauenkörper, weil ich an diesen die Anforderungen der zeitgenössischen Umwelt sehr gut festmachen und wiedergeben kann. Und das nicht zuletzt aus dem einfachem Grund, dass ich nun selber eine Frau bin und natürlich diese Anforderungen kenne. Aber prinzipiell geht es mir um einen Blick auf gesellschaftliche Zustände; einen Blick, der über den blossen Gender-Blick, der ausschließlich auf die Kondition der Frau fokussiert, hinausgehen soll. Ein bisschen wie bei Meg Cranston zum Beispiel, die viel mit Frauenfiguren arbeitet, aber eigentlich von unserer Welt spricht. Von ihr habe ich eine Ausstellung in Neuseeland, in Dunedin, gesehen, die mich wirklich nachhaltig beeindruckt hat.


E.M.: Du verstehst dich also nicht als eine Künstlerin, die in der Tradition des Feminismus stehen würde?


A.S.: Eigentlich nicht. Es ist kein dezidierter Ansatz; es ergibt sich. Aber wenn ich als Frau auf das Bild der Frauenkörper zurückgreife, ist es klar, dass ein feministischer, postfeministischer – oder nenn‘ es wie du willst – Diskurs sich anhängt. Denn das Bild des Frauenkörpers wird heutzutage von den Massenmedien und allzu oft von dem männlichen Blick geprägt. Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt: Ich habe heute als Künstlerin die Freiheit, mich dem Thema Frau und auch dem Akt zu widmen – das war schliesslich nicht immer so. Wann immer in früheren Zeiten einmal weibliche Modelle auf der Bildfläche erschienen, waren ausschließlich männliche Künstler am Werk. 


E.M.: Bei plan.d. zeigst du neuere Collagearbeiten, ein Video und eine Installation. Wenn man deine früheren Arbeiten betrachtet entdeckt man zudem Gemälde und Performances. Du scheinst dich nicht auf ein Medium beschränken zu wollen.


A.S.: Bei mir kommt zunächst immer eine Idee. Sie entsteht innerhalb von zwei oder drei Stunden und manifestiert sich schon im Dunstkreis um ein bestimmtes Medium. In dem Moment, in dem ich eine Idee habe, habe ich auch das Bild dazu – also stellt sich die Frage des Mediums nie wirklich für mich. Ich habe auch gemerkt, dass ich die Abwechslung brauche. In der Regel verwende ich ein bestimmtes Medium um mich von einem anderen Medium, das ich bisher ausgiebig verwendet hatte, zu „erholen“. Ich brauche diesen Wechsel, um den Kopf frei zu kriegen. Zurzeit habe ich eher eine Collagephase. Ich habe zwar viel mit Malerei gearbeitet, jedoch muss ich sagen, dass ich davon wegkommen möchte. Es gibt etwas in der Malerei, das ich zu  steif finde. Ich suche in meiner Arbeit eine Leichtigkeit, die Keilrahmen und Leinwand nicht geben können. Papier gibt mir mehr Flexibilität und beschert mich zusätzlich noch mit einem starken haptischen Erleben.


E.M.: Wenn ich deine Collagen betrachte habe ich das Gefühl, dass du diese Technik im surrealistischen Sinne verwendest: Du lässt fremde Elemente zusammenprallen und lässt dich über die Ergebnisse überraschen.  Wie Max Ernst, der meisterlich mit vorgefundenen und neu assemblierten Materialien umgegangen ist, scheint es dir dabei nicht um die Produktion von Bildern zu gehen, die irgendwie mit einer „Botschaft“ beladen wären und dem Rezipient etwas „mitteilen“ würden, sondern um die grösstmögliche Offenheit der Bildlesung, auch wenn dies ab absurdum geführt wird (die Surrealisten hatten ja die Aussage des Dichters Lautréamont für sich reklamiert: Das Leben sollte so schön sein, "wie die zufällige Begegnung eines Regenschirmes mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch“). Findest du dich in dieser Definition der Collage wieder, oder geht es dir dabei doch um eine gezielte Manipulation von Bildinhalten?


A.S.: Ich liebe diesen Satz von Lautréamont - aber meine eigene Arbeit sehe ich dort nicht und somit auch nicht im surrealistischen Sinne verankert. Es ist richtig, dass gerade in den Collagen fremde Elemente zusammenprallen und dass die Ergebnisse oft überraschend ausfallen – auch für mich. Ich denke, dass dies in der Serie „Travel works“ besonders offensichtlich wird. Bei diesen kleinen Arbeiten handelt es sich um Collagen, welche auf einer längeren Reise entstanden sind und aus verschieden Printmedien bestehen. Um die gezielte Manipulation von Bildinhalten ging es mir da allerdings so wenig wie darum, die bereits vorhandenen „Botschaften“ der Bilder zu unterstreichen. Mir ging es eher um das Finden von neuen semantischen Zusammenhängen. In dem ich Personen aus ihrem Kontext löse und diese in neue Kontexte setze ergeben sich für mich neue Leben, neue Körper, neue Geschichten. Das ist das, was mich interessiert. Auch den Kontext eines Bildes zu ändern, und zum Beispiel eine Figur in die Malerei zu setzen – ich meine, die Figur in die Malerei eintauchen zu lassen – ist ein Effekt, den ich suche. Als Kind habe ich mir oft gewünscht, in gemalte Bilder eintauchen zu können. Die Technik der Collage ermöglicht das.